Wasser im Wandel: Erkenntnisse aus dem Wasseratlas und regionale Einordnung für die Verbandsgemeinde Lingenfeld
Wie sicher ist unsere Wasserversorgung- heute und in Zukunft? Der Wasseratlas 2025 (Kooperationsprojekt von Heinrich-Böll-Stiftung und Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.V) zeigt, wie Klimawandel, Trockenheit und Starkregen den Wasserhaushalt verändern.
Was bedeuten diese Entwicklungen für die Verbandsgemeinde Lingenfeld? Darüber sprechen wir mit Rüdiger Butz, Werkleiter und Fachbereichsleiter „Kommunale Betriebe und Unternehmen“, sowie Steffen Andres ,Stabsstelle für Brand- und Katastrophenschutz und Maximilian Schneider, Klimaschutzmanager.
14. Mai 2025 von Jana Hinderberger
Klimaschutz
Wasser
Trinkwasser
Abwasser
Wasseratlas 2025
Wasser ist eine unserer wichtigsten Ressourcen und gleichzeitig zunehmend unter Druck. Der Wasseratlas 2025 macht deutlich, dass Klimawandel, sinkende Grundwasserstände und häufigere Extremwetterereignisse auch Deutschland vor große Herausforderungen stellen. Doch wie ist die Situation im Versorgungsgebiet der Verbandsgemeinde Lingenfeld? Welche Auswirkungen sind bereits spürbar und wie bereitet man sich auf die Zukunft vor?
Der Wasserverbrauch verteilt sich auf verschiedene Bereiche, wobei Haushalte, Landwirtschaft und Industrie die größten Nutzer sind. In Deutschland verbrauchen private Haushalte durchschnittlich 121 Liter Trinkwasser pro Person und Tag. Der größte Anteil wird für die Körperpflege (36 %) und die Toilettenspülung (27 %) genutzt. Im Vergleich zu 1991 ist der tägliche Wasserverbrauch pro Person um 23 Liter gesunken.Weltweit ist die Landwirtschaft der größte Wasserverbraucher.
Rund 72 % des genutzten Süßwassers werden für die Bewässerung von Feldern und die Produktion von Nahrungsmitteln eingesetzt. Durch den Klimawandel mit häufigeren Dürren und längeren Trockenperioden steigt der Wasserbedarf in der Landwirtschaft weiter an.
Der Wasseratlas betont deshalb die Bedeutung wassersparender Bewirtschaftungsmethoden und einer nachhaltigen Nutzung der Wasserressourcen. Auch die Industrie benötigt sehr große Wassermengen. Nach Angaben des Wasseratlas verbrauchen Kohle-Tagebau, Chemieunternehmen und die Nahrungsmittelindustrie zusammen mehr Fluss- und Grundwasser als alle privaten Haushalte in Deutschland.
Allgemeine Wasserversorgung in der Verbandsgemeinde Lingenfeld
Rüdiger Butz: Die öffentliche Wasserversorgung im Verbandsgebiet wird durch den ,,Zweckverband für Wasserversorgung „Germersheimer Nordgruppe“ sichergestellt. Zusätzlich zum Gebiet der Verbandsgemeinde Lingenfeld wird auch die Ortsgemeinde Zeiskam durch die Germersheimer Nordgruppe mit Trinkwasser versorgt. Sieben Ortsgemeinden mit insgesamt 19.550 EW (2025)
Rüdiger Butz: Durch ein aktiv betriebenes Grundwassermonitoring in sechs Grundwassermessstellen, konnte kein erkennbarer Trend zu sinkenden Grundwasserständen festgestellt werden.
Rüdiger Butz: Engpässe wurden keine registriert; jedoch ergeht bei anhaltender Trockenheit ein Hinweis über die Internetseite bzw. dem Amtsblatt an unsere Kunden, verantwortungsvoll und sparend mit der Ressource Trinkwasser umzugehen und die Gartenberegnung auf ein Minimum zu reduzieren.
Rüdiger Butz: Im Gewinnungsgebiet Weingarten (Pfalz) wurde die Versorgungssicherheit durch den Bau eines weiteren Tiefbrunnen sichergestellt. Des Weiteren wurden zu angrenzenden Wasserversorgungsunternehmen Verbindungsleitungen hergestellt.
Rüdiger Butz: Extreme Wasserknappheit ist durch die Gewinnung von Wasser aus Tiefbrunnen relativ ausgeschlossen. Für den Fall einer Havarie gibt es allerdings eine Notfallplanung.
Wasserqualität und Belastungen
Die Wasserqualität in Deutschland ist trotz zahlreicher Schutzmaßnahmen vielerorts unzureichend. Nur etwa 8 % der Flüsse und rund 25 % der Seen befinden sich in einem ökologisch guten Zustand. Hauptursachen dafür sind Schadstoffe aus Landwirtschaft, Industrie und Haushalten. Besonders problematisch sind Nitrate und Pestizide aus der Landwirtschaft, die ins Grund- und Oberflächenwasser gelangen. Hinzu kommen Mikroplastik, Arzneimittelrückstände sowie langlebige Industriechemikalien wie PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen), die wegen ihrer extrem langsamen Abbaubarkeit auch als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet werden. Diese Stoffe gefährden Ökosysteme, die Artenvielfalt und können auch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen. Als technische Maßnahme zur Verbesserung der Wasserqualität wird der Ausbau von Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe diskutiert. Diese zusätzliche Reinigungsstufe kann Mikroplastik, Arzneimittelrückstände und andere schwer abbaubare Schadstoffe deutlich besser aus dem Abwasser entfernen. Auch in der Verbandsgemeinde Lingenfeld wird dieser Weg eingeschlagen. Die Erweiterung der Kläranlage Schwegenheim um eine vierte Reinigungsstufe befindet sich derzeit in der Planung. Damit wird ein wichtiger Schritt unternommen, um den Gewässerschutz zu stärken, die Wasserqualität langfristig zu verbessern und den steigenden Anforderungen an eine moderne Abwasserreinigung gerecht zu werden.
Quelle: Wasseratlas 2025, S.20 - Ganz schön viel auf einmal - Typen von Wasserschmutzung
Wasserqualität im Versorgungsgebiet der Verbandsgemeinde Lingenfeld
Rüdiger Butz: Die Qualität des Trinkwassers wird durch regelmäßige Beprobung auf Grundlage der Parameter A und B der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) sichergestellt. Dies umfasst sowohl mikrobiologische als auch chemische Kennwerte. Dabei werden die entnommenen Proben auch auf PFAS, Kunststoffe und Medikamente untersucht. Diese liegen im Versorgungsbereich weit unterhalb der zulässigen Grenzwerte; was auch die Messungen von Nitrat miteinschließt. Die Analysen werden auf der Internetseite der Verbandsgemeinde veröffentlicht (Trinkwasseranalysen | Verbandsgemeinde Lingenfeld). Der Härtegrad im Versorgungsbereich beträgt ca. 16 °dH, Härtebereich 3, hart.
Rüdiger Butz: Die Abwasserreinigung auf der Kläranlage erfolgt derzeit dreistufig, mechanisch, chemisch und biologisch. Zur Elimination von Spurenstoffen ist eine vierte Reinigungsstufe geplant.
Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserkreislauf
Der Klimawandel führt in Deutschland zu häufigeren Dürren, Starkregen und Hochwasser. Moore und Auen sind deshalb besonders wichtig, weil sie große Mengen Wasser speichern, Schadstoffe filtern und bei Starkregen wie ein natürlicher Schwamm wirken. Sie schützen Siedlungen vor Überschwemmungen und fördern die Neubildung von Grundwasser.Außerdem leisten Moore und Auen einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Artenschutz. Moore speichern große Mengen CO₂ und helfen so, die Erderwärmung zu bremsen. In Deutschland sind jedoch nur noch 2 % der Moore und 1 % der Auen in einem naturnahen Zustand. Durch Entwässerung, Flussbegradigungen und die Versiegelung von Böden gingen viele dieser Lebensräume verloren. Dadurch steigt die Hochwassergefahr und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verlieren ihren Lebensraum.Deshalb sind die Wiedervernässung von Mooren, die Renaturierung von Flüssen und der Schutz von Auen wichtige Maßnahmen. Sie verbessern den Wasserhaushalt, speichern CO₂, fördern die Artenvielfalt und helfen dabei, die Folgen des Klimawandels zu verringern.
Maximilian Schneider: Für Rheinland-Pfalz und den Landkreis Germersheim in dem unsre Verbandsgemeinde liegt geht laut Prognosen die Menge an Niederschlag kaum zurück. Was sich allerdings ändert ist die Art, wie er fällt, nämlich vermehrt als kurze Starkregenereignisse und nicht mehr beständig über eine längere Zeit. Das kann zu schwer vorhersagbaren Hochwasserereignissen führen, wenn viel Wasser auf trockene Böden fällt, die aufgrund Ihrer fettliebenden Eigenschaft dann kaum Wasser aufnehmen können. Das kann in Einzelfällen zur Abtragung des fruchtbaren Oberbodens (Erosion) führen. Gerade in intensiv genutzten landwirtschaftlichen Räumen mit wenig Gehölzpflanzen ist das ein Problem. Andernorts gibt es erprobte Agroforstsysteme mit denen dem entgegengewirkt wird. Ein anderer Faktor ist die saisonale Verschiebung der Niederschläge, diese führt zu feuchteren Winterhalbjahren und trockeneren Sommern. Kombiniert mit den höheren Temperaturen im Sommer kann dies eine Dürre der Böden verursachen. Ohne Tiefbrunnen oder vermehrter Oberflächenwasserentnahme ist Ackerbau dann kaum noch möglich.
Steffen Andres: Zur Entlastung der öffentlichen Kanalisation bei entsprechenden Regenereignissen wurden Regenrückhaltebecken und Retentionsflächen realisiert. Am Hofgraben und am Hainbach sind auch diverse Renaturierungsmaßnahmen geplant oder in der Umsetzung. Die Altrheinaue bei Lingenfeld hat als Landschaftsschutzgebiet, Vogelschutz – und Flora-Fauna-Habitat-Gebiet, einen besonderen Schutzstatus. Dort sind Eingriffe nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich und setzen ein spezielles Genehmigungsverfahren voraus.
Steffen Andres: Die hydraulische Überprüfung der öffentlichen Kanalisation erfolgt in der Regel alle zehn Jahre durch die Aufstellung einer Generalentwässerungsplanung (GEP). In Abhängigkeit der Ergebnisse werden die Leitungen in der Größe angepasst.
Maximilian Schneider: Renaturierte Feuchtgebiete selbst gibt es in der Verbandsgemeinde Lingenfeld nicht. Im Bereich der Auen des Lingenfelder Altrheins, der Teil des Landschaftsschutzgebiets „Pfälzer Rheinauen“ ist, soll eine Instandsetzung der Entwässerungsgräben stattfinden, sowie eine zukünftig regelmäßige Unterhaltung bzw. Pflege dieser Gräben. Diese Maßnahme wirkt sich positiv auf den Hochwasserschutz sowie auf das verfügbare Wasser für die Vegetation (Flora) und die Tierwelt (Fauna) aus und soll den Lebensraum (Habitat) für schützenswerte Arten sichern.
Maximilian Schneider: Zukünftig soll eine Wiesenbewässerung mithilfe von künstlicher Intelligenz auf den Flächen der Ortsgemeinde Lustadt durchgeführt werden. Andere Kommunen in der Verbandsgemeinde haben keine geplanten Vorhaben anstehen. Eine aktuell laufende ökologische Aufwertung in Form einer Renaturierung betrifft die Ortsgemeinde Weingarten (Pfalz), hier soll ein Teil des Hainbaches aufgewertet werden. Veränderungen des Bachlaufes, Bachbettes und der Vegetation sind hier geplant.
Das Bundesamt für Gewässerkunde führt in Kooperation mit Bundes- und Landesämtern die Pegelstände und Abflussmengen des Grundwassers und der Oberflächengewässer zusammen und stellt eine Plattform zu Verfügung, die aktuelle Wasserstände und Mengen anzeigt, das Niedrigwasserinformationssystem:
Die aufgeführten Informationen basieren auf Auswertungen aus dem Wasseratlas 2025 (Heinrich-Böll-Stiftung/BUND) und geben einen Überblick über zentrale Fakten und aktuelle Entwicklungen im Umgang mit der Ressource Wasser.
Schriftliche Beantwortung der Interviewfragen durch Rüdiger Butz (Werkleiter und Fachbereichsleiter „Kommunale Betriebe und Unternehmen“), Steffen Andres (Stabsstelle für Brand- und Katastrophenschutz) und Maximilian Schneider (Klimaschutzmanager).
Redaktionell überarbeitet von Jana Hinderberger (Stabstelle Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit) und Maximilian Schneider (Klimaschutzmanager).